Tiefes Loch zur Weihnacht

WAZ, 4.11.2010

Das trübe Novemberwetter mit Nebel, Regen und früher Dunkelheit drückt auf die Stimmung.

Hinzu kommen die stillen Feiertage: Allerheiligen, Totensonntag. Und doch ist der „Trauermonat“ für Trauernde nicht die schlimmste Zeit, weiß Siegfried Schirmer vom Hospizverein.

„Das dunkle Wetter verstärkt natürlich ein Gefühl der Trauer und das Bedürfnis nach Zuwendung“, hat Schirmer festgestellt. „Das geht ja fast jedem so.“ In der Nachfrage nach Trauerbegleitung, wie sie der Hospizverein anbietet, schlägt sich der November allerdings nicht besonders nieder. „Nach unserer Erfahrung sind es nicht die stillen Feiertage, an denen Trauernde in ein tiefes Loch fallen, sondern vielmehr Weihnachten, Neujahr, Geburtstage und Jahrestage.“

Die Trauernden, die sich einmal wöchentlich im Trauercafé des Hospizvereins treffen, würden deshalb auch gerade in der Vorweihnachtszeit sagen: „Lasst das Trauercafé bloß nicht ausfallen.“

In der Gruppe

relativiert sich das Leid

Im Schnitt zwölf Gäste habe das Café, sagt Schirmer, „aber wir machen auch Einzelbegleitungen“. In der Gruppe hingegen würden sich die Trauernden gegenseitig unterstützen, habe die Gemeinschaft eine hilfreiche Wirkung. Schirmer: „Erst denkt man, man ist der ärmste Tropf in seiner Trauer – aber in der Gruppe merkt man, dass man das Leid relativieren kann.“

Im Idealfall unterstütze sich die Gruppe auch außerhalb des Trauercafés. „Wir hatten mal eine Gruppe, die sich in eine Selbsthilfegruppe umgewandelt hat“, erzählt Schirmer. „Die zwölf Frauen haben dann gemeinsam Silvester gefeiert und dabei richtig Party gemacht.“ Damit seien sie der gefürchteten Einsamkeit zum Jahreswechsel entronnen. „Eine tolle Geschichte, wenn Leute sich selbst so organisieren“, lobt der ehrenamtliche Geschäftsführer des Hospizvereins.

Nicht nur trübes Wetter könne übrigens die Stimmung Trauernder noch weiter drücken: „Viele fallen auch bei richtig schönem Wetter in ein tiefes Loch“, weiß Schirmer. „Da ist alles hell, aber das passt überhaupt nicht zur eigenen Stimmung.“

Das „Trauercafé“des Hospizvereins findet immer freitags (außer an Feiertagen), jeweils von 14.30 bis 16.30 Uhr, in den neuen Räumlichkeiten An der Papenburg 9 statt.

Annette Wenzig, 4.11.2010