Den Tod durchleben

WAZ Wattenscheid, 31.10. 2009

Wattenscheid. Wer einen geliebten Menschen verloren hat, findet im Trauertreffpunkt des Hospizvereins Unterstützung und Hilfe in seiner Trauer.

Sie erleben es, dass Bekannte scheu die Straßenseite wechseln, wissen nicht, ob sie ehrlich antworten dürfen, wenn sie gefragt werden, wie es ihnen geht: Trauernde fühlen sich in unserer Gesellschaft mitunter wie Aussätzige.

"Früher gab es bestimmte Rituale, die heilsam auf die Seele wirkten - zum Beispiel, dass man ein Jahr lang Schwarz trug", sagt Gesine Maurer, Honorarkraft beim Trauertreffpunkt. "Heute ist eher Heiterkeit angesagt: Nach einem Vierteljahr soll`s wieder gut sein." Dabei, weiß die 66-Jährige, wird nach dem Tod eines geliebten Menschen nicht alles einfach wieder gut. "Da ist etwas weg, und es wird nie wieder wie es war. Aber unsere Gesellschaft will nichts hören von Vergänglichkeit."

"Man muss den Schmerz akzeptieren"

Im Trauertreffpunkt hingegen finden sich Menschen zusammen, die dasselbe erlebt haben. "Es ist hier einfach zu weinen, weil alle diese Gefühle kennen", sagt Ingrid Hoppe (69). Die ehemalige Opernsängerin arbeitet als Ehrenamtliche im Trauercafe, in dem sich jede Woche bis zu zwölf Trauernde zwischen 60 und 80 Jahren treffen, fast alle verwitwet. "Im normalen Café kann man auch Kuchen essen, aber nicht weinen", sagt Ingrid Hoppe - und fügt gleich hinzu: "Hier wird aber auch viel gelacht."

Wer (noch) keine Gesellschaft möchte, kann auch Einzelgespräche mit den Trauerbegleitern führen. Deren wichtigste Aufgabe: Trauernden zu helfen, den Tod zu begreifen. "Mit aller Verzweiflung - das ist wichtig", sagt Gesine Maurer. "Man muss den Schmerz akzeptieren." Von Phasen der Trauer, die man durchleben muss, will sie nicht sprechen: "Ich spreche lieber von Aufgaben, die man bewältigen muss - egal in welcher Reihenfolge."

"Jede Trauer ist richtig"

Ziel sei es auch nicht, wie gemeinhin gesagt werde, den Verstorbenen loszulassen: "Es geht darum, ihm einen neuen Platz in seinem Leben zu geben - und sich selbst in einer Wirklichkeit zurechtzufinden, in der der Verstorbene fehlt." Tipps oder Ratschläge geben die Ehrenamtlichen dazu nicht. "Wir unterstützen individuelle Lösungen. Ob man die Kleidung eines Verstorbenen nun sofort entsorgt oder behält - es kommt darauf an, wie man sich dabei fühlt", betont Gesine Maurer, und Ingrid Hoppe ergänzt: "Jeder hat mit seiner Trauer Recht, jede Trauer ist richtig - egal, ob man laut oder leise trauert."

Dabei kann auch die Gruppe helfen: "Man kann seine Trauer teilen, es wird nicht einfach abgewiegelt", sagt Gesine Maurer. Vor allem das Erzählen sei wichtig: "Erzählen distanziert." Oft reiche ein einziges Gespräch: "Zum Beispiel, wenn ich jemandem sage: Sie sind nicht verrückt, weil Sie mit Ihrem verstorbenen Mann reden, Sie sind in Trauer. Viele wissen gar nicht, wie sich das anfühlt."

Sogar Paare, sagt Ingrid Hoppe, hätten sich in den Gruppen gefunden: "Das ist das schönste Erlebnis in der Trauerarbeit. Es macht große Freude, wenn Menschen hier auftauen und wieder am Leben teilnehmen." Denn nichts sei schlimmer, als wenn jemand in seiner Trauer hart werde und seine Liebesfähigkeit verliere. "Man muss durch den Schmerz hindurchgehen statt zu versteinern."

Speziell geschulte Ehrenamtliche

Neben Einzel- und Gruppengesprächen bietet der Trauertreffpunkt des Hospizvereins (Stresemannstraße 12) die Möglichkeit, einmal wöchentlich zu einem offenen Treffen im Trauercafe zusammen zu kommen.

Fünf ehrenamtliche Mitarbeiter wurden in Fortbildungen speziell für die Aufgaben geschult. Das Trauercafe ist immer freitags von 14.30 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Informationen gibt es beim Hospizverein Wattenscheid unter 933 55 55.

Annette Wenzig, WAZ Wattenscheid, 31.10. 2009